Künstlerische Einordnung

 

Richard Grunes künstlerisches Werk ist fragmentarisch; vieles ist zerstört, verschwunden oder – bis zur Unauffindbarkeit – verstreut. Die 1946/47 entstandenen Lithographien über seine Zeit in den Konzentrationslagern, vom Keune-Verlag 1947 als Kunstmappe herausgegeben, stellen heute sein Hauptwerk dar:  „Passion des XX. Jahrhunderts“. Nur wenige Exemplare sind erhalten. Auf den zehn Blättern entfaltet sich das große Leid der Menschen in den Lagern. eröffnet den Blick auf das Innere und hebt damit die Gestalt des bloß Sichtbaren auf. Grune verwandelt ihre Körper zu Ausdrucksträgern. Ihren Gesichtern gibt er den Widerschein der schrecklichen Wirklichkeit, ihre Körper werden Symbole des Leidens. Das große Morden in den Lagern, das ist die „Passion“, die das 20. Jahrhundert für immer prägen wird. Doch Richard Grune zeigt auch anrührende Momente der Solidarität und der gegenseitigen Hilfe. Dieses Werk weist deshalb weit über seine Zeit hinaus.

 

Sein künstlerisches Schaffen ist weit gespannt. Um davon einen Eindruck zu vermitteln, ist die „Passion“ eingerahmt von Zeichnungen aus den 1920er Jahren und von den sogenannte „Miniaturen“, die er in der Nachkriegszeit in großer Zahl entwarf. 

 

Die Zeichnungen der frühen Jahre sprühen vor Lebensfreude. Er engagierte sich in der Reformpädagogik, wie z.B. in der Kinderrepublik Seekamp. Die Ausstellung präsentiert zum ersten Mal sein Bild, das er für das Arbeitersportfest 1929 in Nürnberg schuf. Die kraftvollen Zeichnungen jener Jahre lassen die Hoffnung auf eine neue Zeit erahnen. Sie sind gekennzeichnet durch den Wunsch nach einem Leben in Gemeinschaft. Sie stehen für einen Künstler im Aufbruch, für einen ambitionierten mutigen Kreativen auf dem Weg zu sich selbst. 

 

Nach 1945 muss Grune erleben, dass sein künstlerisches Werk nicht anerkannt wird. Ihm fehlt die Kraft für große Formate. E r zeichnet „Miniaturen“, stellt nicht mehr aus und meidet Menschen. Sein Werk verändert sich. Die „Miniaturen“ der 1950er Jahre sind abstrakt, die Körper werden reduziert auf wenige Linien und doch ist noch immer die Lebenslust zu spüren. Die wohl im Hafenmilieu entstandenen erotischen Motive können als seine verborgene eben nicht erloschene Sehnsucht nach Leben gedeutet werden. 

 

Aus Gründen des Werkerhalts werden in dieser Ausstellung Reproduktionen präsentiert.